Liebe KundInnen,
mir ist bewusst, dass das Thema nicht gerade für wohlige Weihnachtsstimmung sorgt. Doch es ist zu aktuell und zu wichtig, um im allgemeinen Weihnachtstrubel unterzugehen.
Künftig sollen gentechnisch veränderte Pflanzen ohne Risikoprüfung, ohne Rückverfolgbarkeit und ohne Kennzeichnung in den Handel bzw. auf den Tisch kommen. Ein massiver Rückschritt für die Transparenz, die Wahlfreiheit und die Sicherheit von LandwirtInnen und VerbraucherInnen!
Am 5. Dezember haben EU-Kommission, Mitgliedsstaaten und EU-Parlament die Deregulierung der Neuen Gentechnik ausverhandelt: die Lockerung von Regeln zur Zulassung und Kennzeichnung der sogenannten Neuen Genomischen Techniken (NGT). Bei NGT handelt es sich um eine begrenzte Anzahl gentechnischer Eingriffe, etwa durch die „Gen-Schere“ Crispr-Cas. Pflanzen mit weitreichenderen gentechnischen Veränderungen unterliegen weiter den alten, strengeren Regeln.
Lebensmittel aus NGT-Pflanzen hingegen sollen nicht mehr gekennzeichnet werden. Dabei spiegeln Umfragen seit Jahren deutlich wider, dass die große Mehrheit der Bevölkerung sich klar für eine Kennzeichnung von Gentechnik in Lebensmitteln ausspricht.
Außerdem sollen Risikoprüfungen vor der Zulassung wegfallen, um Zulassungen neuer Sorten zu vereinfachen. Der Anbau dieser Sorten muss nicht mehr auf jedem Feld nachvollziehbar sein. So steigt das Risiko einer Kontamination gentechnikfreier Flächen. Es wird auch erstmals möglich sein, dass nicht nur gentechnisch veränderte Nutzpflanzen, sondern auch Wildpflanzen und Bäume ohne Risikoprüfung oder Rückrufmöglichkeiten in die Umwelt freigesetzt werden.
Zukünftig sollen auf diese Sorten auch Patente zugelassen werden, was für herkömmlich gezüchtete Pflanzen bisher nicht möglich war. Davon profitieren große Konzerne, für kleine ZüchterInnen wird es zur existenziellen Bedrohung. Die Gentechnikmethoden selbst sind patentiert – nur wer die notwendigen Lizenzen kauft, darf sie nutzen. Mit neuer Gentechnik können auch Gensequenzen, die es in wilden oder herkömmlich gezüchteten Pflanzen gibt, nachgebaut und patentiert werden. So wird der freie Zugang zu genetischen Ressourcen als Grundlage für die Züchtung blockiert. Kleine Züchter werden die Weiterzüchtung von Sorten vermeiden, in denen es Patente gibt, um Rechtsstreitigkeiten mit Konzernen zu umgehen. Doch gerade von diesen kleineren Züchtern wird das Saatgut entwickelt, das wir für die Klimaanpassung brauchen: regional angepasste Sorten.
Wir betrachten diese Entscheidung mit größter Sorge. Sie stellt eine Bedrohung der gentechnikfreien Landwirtschaft dar und bedeutet eine massive Einschränkung von Umwelt- und Verbraucherschutz. Das europarechtlich verankerte Vorsorgeprinzip wird verletzt.
Auch wenn die Zustimmung von Ministerrat und Parlament als Formalie gilt, ein wenig Hoffnung gibt es noch, dass diese Entscheidung doch gekippt wird. Die Bundesregierung wird u.a. von etlichen Umweltverbänden dazu aufgerufen, diese im Ministerrat abzulehnen und einzutreten für eine verpflichtende Risikoprüfung, eine vollständige Kennzeichnung entlang der gesamten Wertschöpfungskette, den Ausschluss von Patenten sowie wirksame Maßnahmen zum Schutz gentechnikfreier Landwirtschaft.
Eine zukunftsfähige Landwirtschaft braucht ökologische Methoden, eine vielfältige lokale Züchtung und konsequenten Verzicht auf chemisch-synthetische Pestizide, nicht Deregulierung von Risikotechnologien. Neue Gentechnik kann kein Ersatz für langfristig tragfähige ökologische Ansätze ein.
Wir sind fassungslos, dass durch den Wegfall der Kennzeichnungspflicht gentechnisch veränderte Lebensmittel im Supermarkt nicht mehr als solche erkennbar sein werden. Dass es Patente auf Pflanzen und ihre Eigenschaften geben soll! Dass Landwirte und Verbraucher keine Wahlfreiheit mehr haben, was auf ihren Acker bzw. Teller kommt.
Und wieder einmal zeigt sich: Es wird immer wichtiger, zu wissen, wo unsere Lebensmittel herkommen. Ein gutes Gefühl, unsere Kulturen von der Aussaat bis zur Ernte selbst in der Hand zu haben und dann direkt an Sie als KundInnen zu übergeben.
Für die Hofgemeinschaft
Jenni Ponsens



