Liebe Freundinnen und Freunde des Gut Rothenhausen,
es hatte sich schon im Frühjahr angebahnt. Mir begegnete frühmorgens auf dem Weg zum Gemüseacker ein junger Feldhase. Wir schauten uns tief in die Augen und wussten beide, was nun folgen würde …
Unser Gemüse findet seinen Platz jedes Jahr auf einer anderen Ackerfläche. Jedes Frühjahr bereiten wir das Feld vor, beginnen zu pflanzen und zu säen. Im Laufe der Zeit wächst dort ein prächtig gedeckter Tisch – und zwar nicht nur für die menschlichen Freunde gesunder Ernährung und des guten Geschmacks. Mittlerweile denke ich, dass wir einen Zaun um unseren Gemüseacker vor allem deshalb aufstellen, damit man sich als Gärtner besser fühlt. Ein Zaun suggeriert schließlich immer ein Gefühl von Schutz und Abgrenzung.
Als ich im Frühjahr dem jungen Feldhasen begegnete – außerhalb des Zaunes –, war sonnenklar, dass wir uns wiedersehen würden. Und zwar spätestens im Sommer – innerhalb des Zaunes.
Und wie immer würde ich einer freudig vermehrten Hasenfamilie begegnen. Nun muss man wissen, dass Hasen ja nicht als Familie gemeinsam auftreten. Aber das fortpflanzungsfreudige Wesen der Feldhasen erkennt man daran, dass hier und dort oftmals deutlich kleinere Häselein im Augenwinkel davonschleichen oder auch flitzen.
Ich kann an dieser Stelle natürlich nicht verhehlen, dass da im Ansatz mal negative Gefühle aufkommen können beim Anblick von sichtlich genüsslich angeknabbertem Blattgemüse – bevorzugt aus der Familie der Zichoriengewächse. Aber nein, ich habe in den meisten Fällen meinen Frieden mit dem Treiben der Natur gemacht.
Und an die Naturliebhaber: Dem tatsächlich auch auf der „Roten Liste“ der gefährdeten Tierarten stehenden Feldhasen geht es zumindest auf dem Gut Rothenhausen prächtig!
Und apropos Zaun: Als ich zuletzt durch unser Beet mit dem Zuckermais erntete, scheuchte ich ein junges „Rehlein“ auf, das dann eilig davon hüpfte. Leider nicht nachhaltig, denn dieses begegnete mir zuletzt öfters und hat – Sie ahnen es – auch Gefallen gefunden an vorgenanntem Blattgemüse.
Und zu guter Letzt: unsere Kühe. Wir haben einen Zaun, aber auch ein Tor …
Wenn Sie mal bei uns auf dem Hof waren und bei Kaffee und Kuchen die vorbeiziehende Milchviehherde beobachtet haben, sehen Sie eine liebenswerte, aber auch phlegmatisch anmutende, dahintrottende, schwerfällige Schar, die sehr gemütlich einen Schritt vor den anderen macht – auf ihrem Weg in den Stall und nach dem Melken aus dem Stall zurück zur Weide.
Doch wehe, dieses Tor zum Gemüseacker steht einmal offen! Dann scheint sich vor unseren Augen ein kleines Wunder zu ereignen. Aus der gemächlichen, schwerfälligen Milchkuh wird plötzlich ein erstaunlich agiles Wesen. Da wird gesprungen, gehüpft und getrabt, als wären die Kühe plötzlich wieder junge Göttinnen – oder zumindest junge Kühe mit sehr viel überschüssiger Lebensfreude. Und dann wird sich durch das Gemüse probiert. Schön…auf eine Art…
Allen, die Zuckerhut, Endivie und Radicchio noch zaghaft bis missmutig gegenüberstehen, soll die feine Auswahl von Hase und Reh Ansporn sein!
In diesem Sinne: Bleiben Sie probierfreudig und frohgemut.
Für die Hofgemeinschaft
Ralph Seckler






