Kundenbrief

Liebe Kunden und Freunde des Kuhstalls,

aus gegebenem Anlass - da Ostern vor der Tür steht und wir Ihnen statt Osterlamm in diesem Jahr unser weltbekanntes, sagenumwobenes, höchst delikates OSTERKALB anbieten möchten – hier zur Feier des Tages ein kleines Denkspiel aus dem Kuhstall: Wie würden Sie auf die Frage reagieren „Darf's zu Ihrem Glas Joghurt auch noch ein Kalbsschnitzel sein?“ Sie finden die Frage unpassend oder zumindest überraschend? Ist sie aber eigentlich nicht, denn mit der Milcherzeugung ist die Fleischerzeugung unausweichlich verknüpft. So wie eine Menschenmutter ohne Baby keine Muttermilch produziert, so würde auch eine Kuhmutter ohne Kalb kein einziges Tröpfchen Milch geben.
Wir sind ein Demeter-Betrieb und dazu gehört ohne Frage die Haltung horntragender Wiederkäuer. Wir wünschen uns geschlossene Betriebskreisläufe, das bedeutet im Optimalfall, dass wir weder Futter zukaufen, noch unsere wertvollen Produkte an jemand anders als direkt an Sie geben wollen. Wir möchten den Produkten ein Gesicht geben und dass sie nicht irgendwo in der Anonymität verschwinden. Deshalb sprechen wir Sie in unseren Kundenbriefen - und gerne auch persönlich - offen an, bemühen uns um Transparenz und umfassende Aufklärung.
Um nun wieder auf meine vielleicht etwas provokante Frage vom Anfang zurückzukommen und Ihnen dazu den Versuch einer Erklärung zu liefern: Wir möchten möglichst alle unsere Tiere auf dem Hof behalten und sie hier während ihres gesamten Lebens hegen und pflegen und keine der Tiere durch Verkauf in eine ungewisse Zukunft gehen lassen. Meine Idee für unsere Milcherzeugung und der damit einhergehenden Rindfleischproduktion ist aus mannigfaltigen Gründen - wie vorhandenem Stallplatz, Weideflächen, Aufzuchtdauer und damit Planbarkeit - die Erzeugung von Kalbfleisch von denjenigen unserer Kälber, die nicht als Nachzucht in die Fußstapfen Ihrer Mütter treten sollen.
Ob dies nun ethisch vertretbar ist, dürfen Sie letztendlich selbst entscheiden, doch ich möchte Ihnen an dieser Stelle gerne noch das möglicherweise in den Köpfen umherschwirrende Bild vom winzigkleinen, frischgeborenen Saugkälbchen nehmen, das wir schlachten. So schlimm ist es nämlich gar nicht, denn unter Kalbfleisch versteht man das Fleisch von bis zu 8 Monate alten Rindern, die zu diesem Zeitpunkt etwa 250 kg auf die Waage bringen, seit einiger Zeit von der Milch abgesetzt sind und munter – wie ihre ausgewachsenen Artgenossen – Raufutter wie Gras, Silage und Heu aufnehmen und dazu so dann und wann ein Schlückchen Wasser trinken. Diese jungen Rinder verbringen den Winter in Gruppen im Stall und springen im Sommer mit ihren Kumpels auf der Weide umher, so wie es auch ein Ochse zwei Jahre lang tun würde, bevor er seinen letzten Weg antritt.
Ich hoffe, ich kann Ihre (falls vorhandenen) Bedenken mit meinen Worten vielleicht etwas relativieren und Sie haben urplötzlich Appetit auf ein leckeres Kalbsschnitzel Wiener Art oder eine geschmorte Kalbsbeinscheibe á la Ossobuco bekommen. Und möglicherweise dürfte ich Ihnen jetzt die eingangs erwähnte Frage tatsächlich stellen und sie würden diese ohne mit der Wimper zu zucken beantworten mit „Oh, gut das Sie fragen, fast hätte ich's vergessen. Natürlich nehme ich zu meinem Glas Joghurt gern noch vier Kalbsschnitzel für mich und meine Familie.“ ;)
In diesem Sinne grüßt Sie ganz herzlich aus dem Kuhstall und im Namen der Hofgemeinschaft
Anna Jahn