Liebe Kunden,
es wird immer doller.

Ich selbst hätte kaum für möglich gehalten, dass es eines Tages dazu kommt, aber letzten Donnerstag war es dann so weit: meine Premiere im Kuhstall. Ich durfte meiner Frau beim Melken assistieren. Endlich hatte sie mal das Sagen- was ich mache und wie ich es mache. Verkehrte Welt. Oder wie meine Kinder zu sagen pflegen: Papa, du bist der liebe Gott, aber Mama ist die Bestimmerin.
zurück zum Melken... Zuerst werden die Kühe von der Weide geholt, hierbei ist es wichtig, dass alle Litzen entlang des Triebweges geschlossen sind. Wenn auch nur eine vergessen wird, entdecken das die Kühe und -hui- kann man den ganzen Hof zusammentrommeln, um sie wieder auf den Pfad der Tugend zurückzubringen. Beim Stall angelangt werden sie im Fressgitter schon in der Reihenfolge einsortiert, wie sie auch in den Melkstand kommen. Hier wird darauf geachtet, dass die Kühe mit guter Gesundheit am Anfang stehen. Kühe mit Euterentzündung kommen ans Ende, sodass sich die gesunden nicht anstecken können. Natürlich ist die Ausarbeitung der Sortierung der Spezialistin vorbehalten, da sie auch am besten weiß, welc
he Kühe sich mögen und dies ind die Planung miteinfließen lassen, so kann Gerangel im Melkstand und im Fressgitter vermieden werden. Dann werden die lieben Mutties in den 8er Fischgrätenmelkstand geführt. Die Kühe stehen also im 45°-Winkel vom Melker abgewandt. Dadurch kommt er leicht ans Euter und es passen mehr rein, als wenn sie genau hintereinander stünden. Vor dem Melken wird zuerst vorgemolken- auch Chefsache, denn hierbei können Euterentzündungen oder sonstige Probleme gut beobachtet werden. Dann werden die Euter gereinigt, indem mit einem trockenen Küchentuch zuerst die Zitze und dann die Strichkanalöffnung abgeputzt werden. Auch hierbei ist darauf zu achten, dass keine Flüssigkeit von der einen auf die andere Zitze gelangt, da hier auch Keime übertragen werden können. Das Ansetzen der Melkbecher ist zwar von der Sensibilität der Tätigkeit nicht ganz so ansprochsvoll wie das Vormelken, stellt aber hohe Ansprüche an die Motorik. In der Hand liegen immer zwischen den Fingern die Melkbecher und werden von dort in der Reihenfolge, die Sinn macht angesetzt. So ist man sich selbst nicht im Weg und das Melkzeug zieht keine Luft, was ein nerviges Schlürfgeräusch erzeugen und Melker wie auch Kühen sauer aufstoßen würde. Dann übernimmt die Maschine die Arbeit, bis der Milchfluss weniger wird. Die Abnahme erfolgt bei uns von Hand, obwohl wir eine automatische Abnahme haben. Die ist aber nicht so gut wie der Mensch, der gegebenenfalls auch sieht, wenn ein Viertel schon leer ist, die anderen aber noch Milch haben, dann wird nämlich gestöpselt, also ein Melkbecher verstopft, dabei entsteht je nachdem wie gut man es kann mehr (bei mir) oder weniger (bei meiner Frau) von dem Schlürfgeräusch. Wenn das Melken fertig ist, werden die Zitzen mit einer speziellen Lösung besprüht, die das Eindringen von Keimen verhindert. Dann geht es wieder raus ins Fressgitter und die nächsten Kühe werden in den Melkstand geholt. Am Ende des Melkens gibt es noch Kraftfutter entsprechend der Milchmenge, die die Kühe geben, sodass ihre körpereigenen Vorräte immer gut aufgefüllt sind und sie nicht abmagern. Man könnte meinen, dass jetzt Feierabend ist, wenn die Kühe wieder auf die Weide gebracht wurden; das wäre schön, aber es wollen ja auch die Kälbchen versorgt werden, die Melkanlage muss gespühlt werden, der Mistgang, in dem die Kühe stehen, muss gereinigt werden und ich habe bestimmt noch 10 Schritte im ganzen Melkvorgang vergessen, ausgeblendet oder gar nicht wargenommen. Sie sehen, das ist alles nicht so ohne und wenn es beim Zusehen einfach erscheint, liegt es daran, dass es Könner tun, so wie der flotte Italiener den Pizzateig spielend so ausjongliert, dass man Zeitung hindurch lesen kann, während selbst der begnadete Laie mit dem Nudelholz bei 3mm schon anfängt den Teig zu zerreißen. Es ist also gut, dass hier die am Werke sind, die es gut können und darüber bestimmen, was wie gemacht wird. Da füge selbst ich mich gerne der Bestimmerin und tue einfach das mir aufgetragen wird. Tatsächlich habe ich mich anscheinend gar nicht so doof angestellt, immerhin bekam ich ein Küsschen zum Lohn.
Herzliche Grüße
Henning Jahn für die Hofgemeinschaft